Für Querleser/Innen!
Vor rund zwei Jahren brachte der Ausbruch des Vulkans Chaitén grosse Zerstörung über die chilenische Region unweit von Puerto Montt. Weite Gebiete wurden unter einer dicken Ascheschicht begraben, das Städtchen Chaitén vollständig evakuiert und arg zerstört. Die Asche wurde in östlicher Richtung bis hinein nach Argentinien getragen - ist noch heute und nicht nur dort, bei windigen Verhältnissen ein staubiges Problem.
Der nördliche Zugang, von Puerto Montt über Chaitén auf die Carretera Austral - die "sagenumwobene" Strasse durch das südliche/chilenische Fjordland - bleibt bis heute unterbrochen. Im Wissen um dieses Hindernis verliessen wir die überaus touristische Stadt Bariloche um den Einstieg zur Carretera im südlicher gelegenen Grenzort Futaleufú zu bewerkstelligen. Kaum auf die Strasse eingeschwenkt wurde uns bewusst, was der Mythos und der Reiz dieser viele hundert Kilometer langen Route - in Nord-/Süd-Richtung durch den mit vielen Sumpfgebieten durchsetzten Regenwald - beinhaltet!
Wir fanden uns auf einer schmalen Schotterpiste wieder und holperten in gemächlichem Tempo durch das dichte Blattwerk. Das Dickicht liess nur selten einen Ausblick auf die uns umgebenden Bergketten oder eine Lagune zu. Kleine Stichstrassen brachten uns jedoch zurück ans Tageslicht - traumhafte Übernachtungsplätze an Flussufern und in völliger Abgeschiedenheit, die absolute Idylle. Das Wetter spielte warm und stahlblau mit und ein Nationalpark brachte Abwechslung vom Fahralltag. Eine herrliche Buschwanderung brachte uns hinauf zum hängenden Quelat-Gletscher - faszinierend wie fast im Minutentakt die Eisschollen ins Tal donnerten.
Nach der Pioniersiedlung Puyuhuapi, wo die "Beiz" noch Rossbach heisst und Strassen nach den Gründern wie Klaus Hopperdietzel oder Otto Übel benannt sind, war es um die einzigartige Ausstrahlung der Carretera Austral weitgehend geschehen. Die Strasse wird vom Süden her, wo um den Hauptversorgungsort Coihaique bereits Asphaltstrassen bestehen, massiv und auf eine völlig überdimensionierte Spurbreite ausgebaut. Eine gewaltige Schneise wurde in Fels und Wald geschlagen - der Mythos, der Reiz oder gar ein gewisses Abenteuer diese legendäre Strecke zu befahren wird also leider bald der Vergangenheit angehören. Wir passierten endlos-staubige Baustellen und wurden mit dem weiteren Fortkommen immer mehr gewahr, mit welcher Brutalität der Natur das von den ersten Siedlern benötigte Kulturland abgerungen wurde! Brandrodungen in unbeschreiblichem Ausmass prägten ab sofort das Bild der arg geschundenen Landschaft. Kahle Hügel und Bergkämme bis zum Horizont, umgekipte und modernd am Boden liegende Baumstämme sowie weite Flächen mit ödem Sekundärbusch - soweit das Auge reichte. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass wir diesen unsäglichen Kahlschlag auch in weiten Gebieten vom südlichen Patagonien wieder erkennen würden!
Der südlichste Abschnitt wieder auf Schotterpiste, bis Cochrane und weiter bis zu unserem End-/Wendepunkt Caleta Tortel, war viel weniger besiedelt und das Gelände mit Fernsicht auf Berge und Ausläufer/Gletscherfelder des "Campo Hielo Sur" weit offener. Über den Paso Roballo verliessen wir auf traumhaft schöner Strecke die Carretera Austral und somit auch Chile. Unterwegs beobachteten wir wilde Guanaco-Herden wie wir sie in so grossen Stückzahlen noch nie erleben durften. Wir staunten erneut, in welcher Abgeschiedenheit die Chilenen und die Argentinier Grenzübergänge aufrecht erhalten und uns Reisenden so bei der Streckenplanung sehr viel Freiheit lassen. Wer allerdings auf einem besseren Feldweg zur Grenze rollt braucht dann und wann halt etwas Geduld und vorallem auch Zeit. Oft werden Nachwuchs-Beamte im Turnus und für Wochen an solch abgeschiedene Übergänge delegiert. So hatten wir auch Verständnis, dass für "unseren Fall" einer temporären Fahrzeugeinfuhr (tönt ja auch in Deutsch schon sehr kompliziert!) zuerst das vielseitige Zollreglement studiert und anschlilessend in einer grossangelegten Aktion das erforderliche Formular gesucht werden musste.
Kaum verliessen wir die letzten den Anden vorgelagerten Hügel blies uns in der weiten und unwirtlichen Pampa des südlichen Patagoniens ein strenger, stetiger und böiger Wind entgegen. Dass dieser Wind tagelang und pausenlos bis zur Orkanstärke wehen kann, war für uns die Überraschung! Der Wind war für uns ab sofort das zentrale Thema. Nicht nur die sonst einfache Verrichtung des Pinkelns geriet zur Standort-, Ausrichtungs- und Stellungsfrage - nein, auch bei der Wahl der Übernachtungsplätze war das Thema Windschutz stets zentral. Oft war Windschutz natürlich nur Wunschdenken - wo in aller Welt findet man denn in dieser Einöde auch bloss nur EINEN Baum?
Allzu oft standen wir gezwungenermassen draussen in der Pampa und wollten unser Dackzelt nicht ruinieren, will heissen - improvisiertes Schlafen mit geschlossenem Dach war angesagt! Esti auf hartem Boden und schmalem Raum zwischen Kühlschrank und Wassertank eingeklemmt, Peti quer über den Fahrersitz und Batteriekasten auf die Grösse Liliputaner zusammengerollt - so wurden wir in unserem Landi dem erlösenden Morgen entgegen gerüttelt/geschüttelt. Nach einer auf diese Weise "durchzechten" Nacht schätzten wir uns jeweils für die nächste Nacht glücklich, auf einer alten Estanzia (Bauernhof) hinter einer Reihe Pappeln oder mitten in einem verlassenen Kaff hinter einem Lagerschuppen stehen zu dürfen.
Zurück auf der Ruta 40 ging es einsam und meist auf schnurgerader Schotterpiste über viele hundert Kilometer ohne jegliche Versorgungsmöglichkeit, weiter in Richtung Nationalpark Los Glaciares. Das Verkehrsaufkommen unterwegs hielt sich in Grenzen - so ca. alle zwei Stunden kam uns ein Fahrzeug entgegen. Natürlich wollten wir die Berge Fitz Roy, Cerro Torre & Co. und auch den Gletscher Perito Moreno sehen bevor wir über die Magellan-Strasse nach Feuerland übersetzten.
Am 6. Januar 2009 erreichten wir den südlichsten Punkt unserer Reise, "Fin del Mundo", das "Ende der Welt - Ushuaia", auf der Insel Feuerland. Der Schnee lag für den dortigen Hochsommer noch bis in beängstigend tiefe Lagen. Die Stadt Ushuaia bestimmt nicht alleine die lange Reise (von Alaska) wert - trotzdem genossen wir nach vielen Wochen draussen in der Pampa mal wieder in einer Stadt zu sein. Zudem erfüllte uns der Gedanke den südlichsten Punkt unserer Reise ohne nennenswerte Zwischenfälle erreicht zu haben mit einer gewissen Dankbarkeit die durchaus etwas gefeiert werden durfte. So gönnten wir uns auch mal wieder etwas "Ausgang" bevor wir uns im Nationalpark Tierra del Fuego und am nahen Beagle-Kanal wieder in die Natur absetzten. Nach rund einer Woche machten wir uns auf den Weg - nun also definitiv ... auf den Heimweg!
Zum Abschluss unseres Patagonien-Aufenthaltes machten wir uns noch den Nationalpark Torres del Paines zum Ziel. Bei rauher See schaukelten wir zurück über die Magellan-Strasse und erreichten rechtzeitig vor dem grossen Sturm den sicheren Hafen von Punta Arenas. Auf der Fahrt in die Stadt nahm der Wind stetig zu, wir entschlossen uns, mangels geeignetem Stellplatz mit ausreichendem Windschutz, für ein Gästezimmer in einem einfachen Hospedaje. Nachträglich ein richtiger Entscheid - nach einem köstlichen Nachtessen riet uns der Kellner gewisse Strassen/Plätze für den Heimweg zu meiden, bei den aktuellen Windgeschwindigkeiten von über 120 Km/h seien diese zu offenes Gelände und somit zu gefährlich. Breitbeinig stemmten wir uns gegen die Luftwirbel von hinten und krochen bei Gegenwind fast auf "allen Vieren" in Richtung unserer Unterkunft.
Der Aufenthalt im Nationalpark Torres del Paines geriet zum versöhnlichen Abschluss unseres Patagonien-Aufenthalts. Wir erwischten ein Wetter-Fenster mit mehrheitlich sonnigen bis wolkenlosen Tagen, guter Bergsicht, starken jedoch erträglichen Winden und konnten so die Landschaft auf Tageswan- derungen genussvoll erkunden.
Am 30. Januar 2009 bestiegen wir in Puerto Natales die Fähre in Richtung Puerto Montt. Wir haben die Landschaft Süd-Patagoniens eindrücklich und mit all ihren Wetter-Facetten/-Kapriolen erleben dürfen. Trotzdem Zeit für uns, zurück in nördlichere, wärmere und (hoffentlich) windstillere Gebiete zu kommen!
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Für "Fährtensucher/Innen"
Bariloche - Pampa Linda - El Bolson - P. N. Los Alerces - Futaleufu / Grenze Chile - Coihaique - Caleta Tortel - Cochrane - Paso Roballo / Grenze Argentinien - Bajo Caracoles - P. N. Perito Moreno - El Chalten - El Calafate - P. N. Los Glaciares - Esperanza - Cabo Virgenes - Mte. Aymond / Grenze Chile - San Sebastian / Grenze Argentinien - Ushuaia - P. N. Tierro del Fuego - Lago Yehuin - Rio Grande - Paso Radmann / Grenze Chile - Cameron - Porvenir - Punta Arenas - Puerto Natales - P. N. Torres del Paine - Puerto Natales
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Höhepunkte
- Carretera Austral (Chile)
- Nat. Park Perito Moreno (Argentinien)
- Nat. Park Las Glaciares (Fitz Roy, Gletscher Perito Moreno) (Argentinien)
- Nat. Park Torres del Paine (Chile)
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Der Sch(r)ein trügt!
Was sich vordergründig als PET-Sammelstelle präsentiert, outet sich nach genauem Hinsehen als Schrein für Difunta Correa. Ausgangspunkt ist die Legende die sich um Maria und ihren Sohn rankt. Sie machte sich im Bürgerkrieg 1841 mit ihrem Säugling auf, ihren durch Truppen gefangen gehaltenen Mann zu suchen. Dabei verlief sie sich in der Wüste und starb an Hunger und Durst. Einige Tage später entdeckten Maultiertreiber ihre Leiche. Ihr Kind überlebte säugend an ihrer Brust. Von der katholischen Kirche ist die Difunta Correa nicht offiziell heilig gesprochen. Dies hindert die Argentinier jedoch nicht daran, im ganzen Land und entlang grosser Überlandstrassen rot beflaggte Schreine zu ihrem Andenken zu errichten.
Nicht nur Lastwagenfahrer verehren Difunta Correa - sie gilt als Beschützerin aller, die alleine durch grosse Weiten reisen. In den Schreinen liegen häufig Opfergaben in Form von Geld, Kerzen, ab und an ein Reifen oder gar ein Lenkrad - jedoch viel häufiger, gefüllte Wasserflaschen die den Bezug bzw. den Kreis zur Legende wieder schliessen.
Ruta 40 oder einfach - die "Cuarenta"
Eine Strecke von Portugal bis zum Ural, immer auf der selben Strasse, keine Grenzkontrollen und keine Ampel weit und breit. Für uns Europäer kaum vorstellbar! Für die Argentinier jedoch magisch - die "Cuarenta" ist das westliche Rückgrad Argentiniens. Knapp 5000 Km in Nord-Süd-Ausrichtung entlang der Andenkette. Die längste Strasse der Welt, rund 1000 Km länger als die "Route 66" in den USA erstreckt sich von der Grenze zu Bolivien bis hinunter zum südlichen Ende an der Magellan-Strasse zu Feuerland.
November - Dezember 2009 / Argentinien
1935 wurde die Ruta 40 abgesteckt und als Nationalstrasse benannt. Mendoza war damals Ausgangspunkt mit Kilometer Null. Vor einigen Jahren hat die Tourismusbehörde die Ruta 40 als Marketingprodukt entdeckt. Seither wird ihr Image aufpoliert, die Asphaltierung mächtig vorange- trieben. Zusätzlich wurde Kilometer Null nördlicher verlegt und der südliche Endpunkt bis Cabo Virgenes verlängert. Auch die Streckenführung hat Änderungen erfahren. Traditionalisten sprechen schon heute von der neuen und der "wahren" Ruta 40!
Wir haben die Cuarenta als roten Faden auf unserer Fahrt in den Süden gewählt, sind nach Gutdünken davon abgewichen um für lohnenswerte Abschnitte wieder auf sie zurückzukehren. Wir meinen - die Cuarenta hat zumindest Streckenweise ihren besonderen Reiz!
Pinochet's Highway?
Die Ruta 7 - die legendäre "Carretera Austral" durch chilenisches Fjordgebiet im südlichen Patagonien - verbindet Puerto Montt und Villa O'Higgins, auf der Nord-Süd-Achse, über eine Strecke von rund 1200 Kilometern. Die Streckenführung durch dichten Regenwald und Moorlandschaften, entlang schneebedeckter Bergmassive, tief hängenden Gletschern, türkisfarbenen Seen, einsamen Fjorden, trockener Steppe und brandgerodetem Kulturland - hat auch heute noch ihren Reiz!
So traumhaft und abwechslungsreich die Ruta 7 verläuft, so bewegt war die Entstehung und die Fertigstellung der Strasse selbst! Dabei erhält der Diktator Pinochet diesbezüglich mehr Kredit als er verdient. Die Planung der Strasse geht zurück ins Jahr 1968 und das Projekt machte in den Jahren 1970 bis 1973 erste Fortschritte. Da die Arbeiten während der "Amtszeit" des Diktators Pinochet zügig weiterliefen wird ihm, obwohl zivile Unternehmen mehr zum Baufortschritt beitrugen als die Armee, die Fertigstellung der Strasse fälschlicherweise zugesprochen. Die Ironie der Carretera Austral ist die Tatsache, dass der Mann der sie letztendlich beendete, Präsident Ricardo Lagos, im Jahre 1988 durch einen mutigen TV-Auftritt auch den Sturz des Diktators Pinochets einleitete.
Strassenkarten einst bezeichnet mit der Aufschrift "Carrertera Longitudinal Austral Presidente Pinochet" heissen heute schlicht "Carretera Longitudinal Austral" oder noch einfacher "Carretera Austral".




